"Ohne Ehrenamt ist der ländliche Raum überhaupt nicht mehr existent. Wenn es nicht 5 Hände voll richtig 'Verrückte' geben würde, ginge bei uns im Ort nicht viel."
Förderverein einer Gemeinde


Ziel des Projektes

Der ländliche Raum ist besonders auf das Ehrenamt angewiesen, es gibt dort aber auch besondere Probleme. Ehrenamtliches Engagement kommt durch das soziale und kulturelle Klima leichter zustande, es erwächst aber auch aus schierer Notwendigkeit. Öffentliche und kommerzielle Angebote stehen dort viel weniger zur Verfügung als in der Stadt. Die Abwanderung jüngerer Menschen in die Städte, eine ausgedünnte Infrastruktur und die materielle Schwäche der Gemeinden gefährden die Vereine als wichtigste Struktur des Engagements.
 
Für das Projekt wurden 352 kleine ländliche Vereine und Ehrenamtsexperten befragt. Die Fragebögen finden Sie hier: Schriftliche Befragung (PDF) / Email Befragung (PDF)

Gefördert durch


Fachtag Digital

Am 10.11.2020 wurde die Studie den Bundesländern, der DSEE und verschiedenen Bundesministerin in einer Online-Konferenz vorgestellt. Nutzen Sie die eingestellten Videos für Ihre Veranstaltungen vor Ort.


Grußwort der Ministerin und Vorsitzende des Stiftungsrates der Thüringer Ehrenamtsstiftung Heike Werner


Vortrag von Dr. Thomas Gensicke zur Studie: Engagement im ländlichen Raum Ostdeutschlands



Sendung: Fakt ist!

MDR Polittalk aus Erfurt vom 14.09.2020 : Gold wert, aber unbezahlt – Lust und Frust am Ehrenamt.

Kontrovers diskutieren hier u.a. Teilnehmern des Projektes der Thüringer Ehrenamtsstiftung sowie Frau Ministerin Werner und Dr. Thomas Gensicke im Podium.


"Mehr Unterstützung des Ehrenamtes, eine Fahrtkostenpauschale, Versicherungen, kleine Aufwandspauschale oder steuerliche Berücksichtigungen (Freibetrag) wären hilfreich, vor allem Unterstützung bei den komplizierten Mittelbeantragungen, Abrechnungen etc. Viele Bürger und Bürgerinnen engagieren sich mit viel Engagement, opfern Freizeit, steuern eigene Mittel zu und werden mit zunehmender Bürokratie konfrontiert."
Verkehrswacht e.V.


Empfehlungen - Was ist zu tun

Besonderheiten in Ostdeutschland berücksichtigen
Ehrenamtliches Engagement braucht Strukturen – das gilt in den alten Ländern genauso wie in den neuen. Der Unterschied ist, dass im Osten Haltepunkte für Ehrenamtliche auch 30 Jahre nach der Einheit noch deutlich dünner vorhanden sind. Darunter darf man nicht nur öffentliche Strukturen verstehen, im Sinne von Vereinen, Organisationen oder Ehrenamtsagenturen, sondern auch die Unterstützung durch Unternehmen, Stiftungen und größere Spenden. Beides ist in Ostdeutschland heute weniger entwickelt.

Strukturen stützen
Vereine, vor allem aber Gruppen/Initiativen müssen besonders im kleinräumigen Siedlungsbereich strukturell gestützt werden. Sinkende und alternde   Bevölkerung heißt auch, dass die Strukturen des Ehrenamtes ausdünnen. Hier müssen über die Hilfe regionaler Unternehmen hinaus durch die öffentliche Hand Haltepunkte („Strukturen“) geschaffen werden, an die sich Vereine und Gruppen anlehnen können. Neben Beratung geht es dabei um politische Lobby für ihre Anliegen als bürgernaher Gestalter der Lebensqualität im ländlichen Raum.  

Bundesstiftung
Für Engagement und Ehrenamt wurde gerade eine Bundesstiftung gegründet, die sich besonders um strukturschwache ländliche Regionen kümmern soll. Dabei soll es um die Verbesserung „ehrenamtlicher Strukturen“ gehen. Es ist zu wünschen, dass der Fokus über die Stärkung digitaler Strukturen hinausgeht. Das Projekt zeigt, dass Vereine und Initiativen zwar auch auf das Internet und die Digitalisierung setzen, aber zur Abdeckung der Fläche auch auf Beratungsstellen für ehrenamtliches Engagement.  

Präsenz des Bundes in der Fläche
Der Bund wird in seinen Aktivitäten für das Ehrenamt  in der ländlichen Fläche im Moment noch eher wenig wahrgenommen. Er könnte seine Präsenz gerade in Thüringen als einem der ländlichsten Bundesländer mehr beweisen, indem er über seine Stiftung den Ausbau regionaler Strukturen unterstützt. Die TES hat hierfür auf Landesebene vorgearbeitet. Mit ihren Ehrenamtsbeauftragten in den Landkreisen und kreisfreien Städten und ihren Freiwilligenagenturen hat sie bereits Andockstellen geschaffen, um Strukturen aufzubauen.

Grenzen der Flächendeckung
Die Andockstellen stoßen mit den jetzigen Mitteln an ihre Grenzen, wenn sie versuchen, in die Fläche auszustrahlen. Das betrifft das zu geringe Volumen ebenso wie die projekthafte Unstetigkeit. Sollen aber Strukturen geschaffen werden, kommt es auf allen Ebenen auf die Nachhaltigkeit an. Freiwilligenagenturen sollten sich mit jenen Strukturen vernetzen, die bereits vorhanden sind, insbesondere mit denen, die von unten nach oben aufwachsen. Als Zwischenglieder zu den Vereinen und Initiativen würden sie die Flächendeckung ausbauen.

Verstetigung
Ziel wäre die Idee einer Struktur, also der Verstetigung, zu verwirklichen und die Prekarität der Projekthaftigkeit („Projektitis“) nachhaltig zu verringern. Denn diese ist ein Hauptpunkt der Kritik, der sich durch alle Ebenen zieht und von Aktiven und Experten schon lange und durchweg kritisiert wird. Hier fallen Arbeitsaufwände an, die in keinem Verhältnis zum Nutzen mehr stehen und die Zeit der Ehrenamtlichen und zugleich ihrer Förderer von wichtigen Aktivitäten abziehen. Deswegen verzichten Initiativen und Vereine inzwischen schon auf Mittel.

Effizienzgewinne
Die Verstetigung und Strukturierung soll vor allem die Effizienz der eingesetzten Mittel deutlich erhöhen. Das ist ein Beitrag zum Bürokratieabbau, denn durch die Nachhaltigkeit würde auch die Professionalisierung erhöht, zugleich werden die ewigen Schnittstellen zur Verwaltung deutlich verringert. Das entlastet auch die öffentliche Verwaltung. Vereine und Initiativen können von lästiger Bürokratiearbeit befreit werden und sie könnten sich wieder ihrem eigentlichen Anliegen widmen, dem sozialen Leben, der Lebensqualität und Lebensfreude.

Thüringen
Das Bundesland vereint die besonderen Probleme des ländlichen Raumes mit dem Schicksal Ostdeutschlands, kann aber auch auf eine lange gewachsene Kultur bauen. Insbesondere verfügt es mit der Ehrenamtsstiftung über Struktur-Ansätze, in denen bereits längerfristig Erfahrungen gesammelt wurden, woran beim Ausbau von Strukturen angeknüpft werden kann. Es hat Modellcharakter für Ostdeutschland und den ländlichen Raum. Hier kann ausprobiert werden, wie sich Nachhaltigkeit, Effizienz und Flächendeckung bei der Förderung verbinden lassen.   

Landesförderung
Darüber hinaus steht auch das Land in der Pflicht, seine Förderung nachhaltiger und flächendeckender Strukturen zu verstärken. Der erste Schritt wurde mit der Gründung der Ehrenamtsstiftung getan und diese hat im Rahmen ihrer Mittel eine thematisch breit gestreute Aktivität entfaltet und dabei Einsichten gewonnen, die auch für andere Bundesländer interessant sind, insbesondere in Ostdeutschland. Doch damit ist sie an finanzielle und personelle Grenzen gelangt, denn die Mittel des Landes wurden seit Langem nicht systematisch aufgestockt.

Thüringer Ehrenamtsstiftung
Die Stiftung ist durch die Stetigkeit ihrer Aktivitäten zu einer „Struktur“ geworden, auf die sich jene Vereine, Initiativen oder Ehrenamtliche verlassen können, denen sie Förderung und Anerkennung zuwendet. Mit den aktuellen Mitteln kann sie aber nicht viel weiter in die Fläche wirken, kann hier nicht Strukturen schaffen, die über ihren Kern hinausgehen. Man sieht das auch daran, dass sie an der untersten Basis der weit in der Thüringer Fläche verstreuten Dörfer oft noch zu wenig bekannt bzw. keine klare Idee von ihr vorhanden ist.

Strukturansätze
Dennoch konnten im Projekt bereits solche von unten aufwachsenden Strukturen bzw. Möglichkeiten dazu dargestellt werden. Sie reichen von Dachvereinen und so genannten Ehrenamtsstammtischen, wo sich die Vereine der Region (aber auch überregionale Vertreter) zum Austausch treffen, hin zu regionalen Unternehmern, die Beziehungen zur Stiftung haben, die im Projekt gefestigt wurden sowie Stiftungen in den Regionen. Die verschiedenen aufwachsenden Strukturen sind allerdings  noch zu wenig mit den eher städtischen Agenturen vernetzt.

Einfluss auf die Kommunen
Die Kommunen sind das entscheidende Bindeglied zu den Vereinen und Initiativen, nehmen ihre Verantwortung für das Ehrenamt aber oft noch nicht hinreichend wahr. Das zeigt diese Befragung. Sie sind selbst eine Struktur, aber durch eingezogene Routinen weniger flexibel als die Vereine und Initiativen. Während diese beweglich und bürgernah sind, ist ihre Struktur weniger stabil. Beide Seiten sind zwar, gerade über Führungskräfte, häufiger in Personalunion verbunden, pflegen aber jeweils auch andere Rollenverständnisse und Stile.  

Sahnehäubchen und Ausfallbürgen
Zwei Missverständnisse sieht man im Moment; zum  einen Vereine und Initiativen als „Häubchen auf der wunderbaren Sahnetorte“, wie es ein erfahrener Ehrenamtlicher ausdrückte, zum anderen Ehrenamt als kostengünstiger Ausfallbürge für Leistungen, die vor Ort als „nicht mehr finanzierbar“ gelten. Beim ersten Fall wird der Umfang ehrenamtlicher Leistungen eher „übersehen“, im anderen  mit Chuzpe eingefordert. Die Bürgerschaft ist oft bereit, sie zu übernehmen, aber auf Basis eines fairen Umgangs und richtig strukturiert.

Enorme Aufgaben
Angesichts dieser Gemengelagen gibt es jede Menge Aufgaben für die Strukturförderung des ehrenamtlichen Engagements. Diese kann nicht weiterhin  hauptsächlich in projektartiger Form erfolgen, denn das ist ja selbst Ausdruck eines strukturellen Mangels. Strukturförderung stützt das ehrenamtliche Engagement, gibt den selbstorganisierten, aber auch anfälligen Strukturen ein Gegengewicht gegen die eingefahrenen staatlichen oder kommunalen Strukturen. So können sie weiterhin ihre Anstöße für mehr Menschlichkeit und Freiheit geben.


"Was sind die wichtigsten Erkenntnisse, die Sie aus der Studie gewonnen haben?" - 4 Fragen an den Autor


Autor und Forschungsinstitut

Dr. Thomas Gensicke
Gensicke Sozialforschung München
info@gensicke-sozialforschung.de
www.gensicke-sozialforschung.de
Gottfried-Böhm-Ring 53, 81369 München
089/74325876

Dr. Thomas Gensicke ist mit der Durchführung der Studie beauftragt. Dr. Gensicke leitete im Rahmen seiner Tätigkeit beim Umfrageinstitut Infratest die Freiwilligensurveys der Bundesregierung (BMFSFJ) 2004 und 2009. Zugleich erstellte er auf dieser Basis für das BMI (Ostbeauftragter) zwei Studien über die neuen Bundesländer im Ganzen und zugleich für viele einzelne Bundesländer, darunter mehrfach für verschiedene neue Länder. Er verfasste im Auftrag der BMEL eine umfassende Studie zum ehrenamtlichen Engagement in den ländlichen Räumen der Bundesrepublik.

 

Herausgeber

THÜRINGER EHRENAMTSSTIFTUNG
Frank Krätzschmar, Vorsitzender des Stiftungsvorstandes
Mail: info@thueringer-ehrenamtsstiftung.de
www.thueringer-ehrenamtsstiftung.de
Löberwallgraben 8, 99096 Erfurt
Tel: 0361/65 73 66 1


Webseite der Studie
www.lebenswelten-gestalten.de/studie

 

"So nahe bin ich als Schreibtisch-Forscher noch nie an die Menschen eines Projektes herangekommen, trotz C-19."
Dr. Thomas Gensicke


Ansprechpartnerin

Elke Neiser
Projektkoordinatorin "Lebenswelten gestalten"
Telefon 0361/65734250
E-Mail: neiser(at)thueringer-ehrenamtsstiftung.de

Thüringer Ehrenamtsstiftung
Löberwallgraben 8, 99096 Erfurt