Lokal kreativ, finanziell unter Druck, digital herausgefordert

Zivilgesellschaft in Krisenzeiten: Zwischen Engagement und Finanzierungsnot. Die Lage des freiwilligen Engagements in der ersten Phase der Corona-Krise

Die Corona-Krise bedroht einige gemeinnützige Organisationen existenziell. Die Politik sollte die Zivilgesellschaft stärker als mitgestaltenden Akteur in der Bewältigung der Corona-Krise erkennen und einbinden, beispielsweise durch einen Zivilgesellschaftsgipfel im Bundeskanzleramt. Das sind Ergebnisse und Empfehlungen der Studie „Lokal kreativ, finanziell unter Druck, digital herausgefordert.
Nachbarschaftliche Einkaufshilfen, kiezgebundene Sachspendenaktionen, Onlinekurse zum Fitbleiben in der Krise – bürgerschaftliches Engagement fängt in der Corona-Krise verschiedene Problemlagen auf und sichert gesellschaftlichen Zusammenhalt. Neben einem Ansturm spontanen helfenden Engagements, von dem Vereine, Verbände, Bürgerstiftungen und Freiwilligenagenturen vielerorts berichten, halten freiwillig Engagierte in freiwilligen Feuerwehren, Selbsthilfe und Migrantenorganisationen auch unter erschwerten Bedingungen den Betrieb aufrecht. „Zusammengenommen zeigt sich, dass staatliches Handeln in der Krise von Voraussetzungen lebt, die nicht der Staat, sondern Engagierte in Vereinen und gemeinnützigen Organisationen vor Ort erbringen“, so Studienleiter Holger Krimmer von ZiviZ im Stifterverband.

Vereine in Finanzierungsnot

Die Corona-Krise stellt für einzelne Bereiche des gemeinnützigen Sektors eine existenzgefährdende Bedrohung dar. Von starken Problemen berichten unter anderem Jugend- und Bildungsstätten, Kultureinrichtungen, Selbsthilfeorganisationen oder muslimischen Glaubensgemeinschaften. Kurzarbeit ist, sofern die Organisationen Beschäftigte haben, in diesen Bereichen weit verbreitet. Ursachen sind der Wegfall von Kollekten und der Ausfall von Gebühren und Entgelten wirtschaftlicher Geschäftsbetriebe.
Stabile Fundamente bestehen hingegen überall dort, wo der größere Teil der Einnahmen aus Mitgliederbeiträgen kommt. Zahlreiche gemeinnützige Organisationen schauen aber auch hier wenig optimistisch in die Zukunft: Durch drohenden Mitgliederschwund und das Wegbrechen von Spenden und Sponsoren können große Finanzierungslücken entstehen.

Digitalisierung als Chance und „kollektive Zumutung“ in ländlichen Regionen

Die Studie zeigt außerdem, dass die Umstellung auf digitale Formen der Zusammenarbeit zu massiven Ungleichheitsverhältnissen zwischen dem Engagement in städtischen und ländlichen Regionen führt. Die stabile Teilhabe an Videokonferenzen wird von vielen Befragten in ländlichen Regionen als nicht möglich dargestellt. Teils müssen Distanzen überbrückt werden, um Zugang zum Internet und den eigenen Emails zu erhalten. Um gemeinnützige Organisationen in ländlichen Regionen zu unterstützen, ist der Breitbandausbau dort Voraussetzung.

Zivilgesellschaft zum Partner in der Krise machen

Existenzbedrohte Organisationen brauchen Zugang zu finanzieller Soforthilfe und Unterstützung bei der Bewältigung der finanziellen Langzeitfolgen. Darin darf sich aber der Dialog mit der Zivilgesellschaft nicht erschöpfen. Die Sicherung des gesellschaftlichen Rückhalts für politische Maßnahmen der Krisenbewältigung wird zunehmend zu einem der zentralen Themen. Dazu braucht es ein Vorgehen, das auch gesellschaftliche Akteure stärker zu Partnern macht. ZiviZ fordert daher, dass Bund und Länder prüfen, wie über Dialogstrukturen, runde Tische, digitale Foren bis hin zu einem Zivilgesellschaftsgipfel im Bundeskanzleramt Zivilgesellschaft als mitgestaltender Akteur in die Krisenbewältigung eingebunden werden kann.

Die Studie
Die Studie „Lokal kreativ, finanziell unter Druck, digital herausgefordert. Die Lage des freiwilligen Engagements in der ersten Phase der Corona-Krise“ wurde von den Bundesländern Bayern, Berlin, Rheinland-Pfalz und der Ehrenamtsstiftung Mecklenburg-Vorpommern gefördert. Im Zeitraum von 16. Bis zum 30. April wurden 45 qualitative Interviews mit VertreterInnen der Leitungsebene von Verbänden auf der Landes- und der Bundesebene, von Infrastruktureinrichtungen im Bereich der Engagementförderung, der organisierten Selbsthilfe und von Bürgerstiftungen durchgeführt. In den folgenden Wochen wird es Nachfolgebefragungen geben, um die Entwicklung der Lage aus Perspektive der Zivilgesellschaft zu untersuchen.